• Prisoner X

#9 Catfish – Part III

In all den Jahren, die ich schon im Gefängnis bin, habe ich noch nie davon gehört, dass ein Häftling jemandem über soziale Netzwerke oder ein anderes Medium vorgetäuscht hätte, jemand anderes und somit nicht im Gefängnis zu sein. Anders herum jedoch sieht die Sache anders aus. Gefängnisinsassen werden immer wieder „gecatfisht“ *, also derart getäuscht, dass jemand ihnen eine andere Identität vorschwindelt. Die Fernsehserie des Namens Catfish, die sich genau mit dieser Thematik beschäftigt, könnte alleine durch solche Fälle in alle Ewigkeit fortbestehen.


Es ist immer wieder vorgekommen, dass mich Menschen kontaktiert haben und mir Bilder von sich zugeschickt haben, von denen sich später herausstellte, dass es sich dabei um Fotos von jemand ganz anderem handelte. In mindestens 25 Fällen kann ich mit absoluter Sicherheit sagen, dass ich auf diese Art und Weise getäuscht wurde. Sicherlich ist die tatsächliche Zahl noch höher, doch mangels der Möglichkeit einer Überprüfung kann ich nicht zuverlässig sagen, wie oft sich Briefkontakte mir gegenüber als jemand anderes ausgegeben haben. Im Großen und Ganzen kümmert mich das nicht wirklich. Viele Leute, die mit einem Gefangenen in Briefkontakt treten, erhalten die Korrespondenz nur für eine kurze Zeit aufrecht und haben nicht wirklich die Absicht, eine Freundschaft aufzubauen. Ich bin mir dieser Tatsache sehr wohl bewusst. Solange sie eine Quelle interessanter Gespräche sind, für den Zeitraum, in dem sie mir schreiben, warum sollte ich ihnen die Chance missgönnen, für eine kurze Zeit jemand anderes sein zu können als sie wirklich sind, wenn es sie glücklich macht?



Manchmal geht es jedoch weit darüber hinaus und wird dann zu einem echten Fall des Catfishings. Aus welchem Grund auch immer, es begeben sich einige Menschen mit vorgetäuschter Identität in romantische Beziehungen mit Gefängnisinsassen, vermutlich mit der Absicht, niemals entlarvt zu werden. In den meisten Fällen wird ihnen das wahrscheinlich auch gelingen. Aber unvorhergesehene und unerwünschte Ereignisse können immer wieder auftreten, welche die Wahrheit am Ende aufdecken. In einer der interessanteren Geschichten, die ich zu dem Thema beizutragen habe, kam die Wahrheit nur durch eine Tragödie ans Licht.

Vor vielen Jahren wurde ich von einer jungen Frau aus England kontaktiert. Sie war sehr sprachgewandt und interessant, was sie zu einer willkommenen Ergänzung in meinem Leben machte. Außerdem war sie attraktiv - zu attraktiv, denn alle ihre Fotos waren professionelle Model-Shots. Das machte mich misstrauisch. Als ich sie um ein alltägliches Foto bat, um zu sehen, wie sie reagieren würde, schickte sie zahlreiche Bilder, die sie im Haus, in ihrem Auto oder beim Gassigehen mit ihrem Hund zeigten. Nach einiger Zeit kam ich zu dem Glauben, dass sie wirklich die Person war, die sie vorgab zu sein - und letzten Endes gerieten wir in eine feste Beziehung. Wir hatten eine gute Zeit, etwa ein Jahr lang. Dann war sie plötzlich weg.


Von heute auf morgen ignorierte sie mich völlig und aus "Ich werde dich immer lieben" war urplötzliches Schweigen geworden. Ich habe nie wieder von ihr gehört. Weil das die Art und Weise ist, wie die meisten Menschen eine Gefängnisbeziehung beenden, habe ich versucht, es auf die leichte Schulter zu nehmen und mich nicht runterziehen zu lassen. (Anmerkung am Rande: 80% der Kontakte, die Häftlinge zur Außenwelt haben, brechen irgendwann auf diese Weise den Kontakt ab, ohne Erklärung.)


Ein paar Jahre später hämmerte einer meiner Nachbarn an meine Wand und schrie: "Mach den Fernseher an, schnell. Die Frau, mit der du immer geschrieben hast, ist im Fernsehen!" Es war ein Beitrag über Katie Piper. Manchen von euch mag sie ein Begriff sein; sie war ein Londoner Model, das einen fürchterlichen Säureangriff erlitt und trotz allem, was ihr angetan wurde, es schaffte, sich über die Situation zu erheben und eine Sprecherin für Frauen zu werden, die von ähnlichen Übergriffen betroffen sind. Ich hatte noch einige genau jener Bilder aus ihrer Modelzeit, die im Fernsehen gezeigt wurden. Jeder, den ich kannte, hat sie wiedererkannt und war überzeugt, dass ich mit Katie Piper eine Beziehung gehabt hatte. Nur hatte meine "Freundin" einen anderen Namen und lebte nicht in London.


Mit wem auch immer ich in Kontakt gestanden bin, sie hatte offensichtlich die Bilder aus Katie Pipers' sozialen Netzwerken gestohlen und sie mir geschickt. Da das echte Model damals noch relativ unbekannt gewesen war, muss die Person, mit der ich eine Beziehung einging, das für einen praktikablen Plan gehalten haben. Meine Vermutung ist, dass sie, sobald sie von dem Angriff hörte, erkannte, dass ich es irgendwann in den Nachrichten sehen würde und sie entlarvt werde würde. Bevor dies geschehen konnte zog sie sich einfach aus der Affäre.


Bis heute habe ich keine Ahnung, mit wem ich es zu tun hatte. Obwohl es mittlerweile nicht mehr wichtig ist, bleibt das Gefühl, etwas nicht richtig abgeschlossen zu haben.


Aber was kann ein Häftling da schon machen?






* Anmerkung des Übersetzers: Auf den Begriff „Catfishing“ wird im Beitrag „Catfish – Part I“ genauer eingegangen.

Foto: Andrey Arkusha / Shutterstock.com

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