• Prisoner X

#7 Catfish – Part I

Eine meiner engsten Freundinnen lebt in Großbritannien. In den Jahren unseres Briefwechsels wurde ich mit ihrer ganzen Familie bekannt gemacht. Ihre jüngere Schwester hat mich oft mit Geschichten aus ihrer Lieblingsserie Catfish versorgt, die ich selbst bis dahin noch nie gesehen hatte. Als das Gefängnis dann vor einigen Monaten seine Auswahl an Fernsehsendern erweitert hat und mir der entsprechende Kanal zur Verfügung stand, habe ich mir ein paar Folgen davon angesehen. Für jeden, der mit dem Begriff aus dem die Serie ihren Namen ableitet, nicht vertraut ist, erläutere ich ihn kurz. „Catfish“, genauer gesagt „to be catfished“, ist ein im englischen Sprachraum gängiger Ausdruck, der sich durch sozialer Netzwerke verbreitet und etabliert hat. Er bezieht sich auf eine Person, die von jemandem mit einem falschen Profil in eine Liebesbeziehung gelockt wird, meist durch die Verwendung attraktiver Fotos einer anderen Person als sich selbst. Diese Geschichten haben bei mir einen Nerv getroffen, wenn auch nicht aus den Gründen, die man vielleicht vermuten würde. Ein Aspekt der Serie, der meine Aufmerksamkeit erregt hat, ist die Tatsache, dass einige Frauen besorgt waren, auf diese Art und Weise von einem Gefängnisinsassen getäuscht und „gecatfisht“ zu werden. Mehr als einmal wurde diese Besorgnis geäußert. Ein Moderator der Serie hielt dies für durchaus plausibel, da laut ihm Häftlinge mit gutem Verhalten Zugang zu Facebook und Tinder erhalten würden. Das hat mich ziemlich amüsiert. Zunächst einmal erhalten Gefängnisinsassen keinen Zugang zu sozialen Netzwerken. Nicht wegen guter Führung und auch nicht aus sonst einem Grund. Die Gefängnisverwaltung ist viel zu besorgt, dass die Gefangenen Fluchtversuche planen, Drogengeschäfte abschließen, den Mord an Zeugen oder andere Verbrechen organisieren, um den Häftlingen jemals unkontrollierten Kontakt mit der Außenwelt zu ermöglichen. Es gibt keine einzige Institution, von der ich wüsste, in der etwas Derartiges erlaubt ist, weder auf Bundes- oder Staatsebene, noch in einer privat geführten Haftanstalt. Soziale Netzwerke sind somit raus.

Wenn es um die Nutzung von Telefonen geht ist zu erwähnen, dass alle Anrufe aus einem Gefängnis mit einer aufgezeichneten Nachricht beginnen, die auf die Herkunft des Anrufes hinweist und fordert, dass ein Knopf gedrückt wird, um den Anruf anzunehmen. Niemand kann ein Telefonat aus einem Gefängnis annehmen ohne zu wissen, woher der Anruf kommt. Darüber hinaus kann man mit Gefängnistelefonen keine Sofortnachrichten oder Texte, welcher Art auch immer, versenden.


Es besteht natürlich immer die Möglichkeit, dass ein Gefangener jemanden über ein eingeschmuggeltes Handy kontaktiert. So etwas ist in Bundesgefängnissen äußerst selten, hat sich aber in einigen Staatsgefängnissen durchaus etabliert. An Orten, wo dem so ist, werden jedoch regelmäßig Durchsuchungen ausgeführt. Selbst wenn das nicht der Fall sein sollte, gibt es immer noch die „Spitzel“ unter den Häftlingen, die andere Insassen mit eingeschmuggelten Telefonen verpetzen, sei es aus Missgunst, Neid oder um als Gegenleistung eine Gefälligkeit von den Wärtern zu erhalten. Deshalb schafft es niemand, ein Schmuggeltelefon über einen längeren Zeitraum bei sich zu halten, egal wie vorsichtig er ist.

Außerdem ist es möglich, als Häftling über Dritte auf soziale Netzwerke zuzugreifen. Das tun einige und allein aus diesem Grund können Sie diesen Beitrag hier überhaupt lesen. Der Nachrichtenaustausch aus dem Gefängnis heraus und das Weiterleiten der Nachrichten durch eine weitere Person verursacht jedoch eine erhebliche Zeitverzögerung. Dadurch besteht für einen Häftling keine Möglichkeit, einen konstanten Nachrichtenaustausch mit einem Außenstehenden aufrechtzuerhalten, der jedoch erforderlich wäre, um jemanden derart zu täuschen und seine Identität als Häftling zu verschleiern.

Es ist also theoretisch möglich, dass ein Gefängnisinsasse eine andere Person auf einem sozialen Netzwerk „catfisht“ und das ist bestimmt auch schon vorgekommen. Dafür sind aber außergewöhnliche Umstände erforderlich und ein derartiger Betrug kann niemals für eine längere Zeitspanne aufrechterhalten werden. Ich bin mir sicher, dass wenn eine Person in eine Online-Beziehung durch Tinder, Facebook oder andere soziale Medien geraten ist und sie regelmäßig Kontakt durch Anrufe, Texte und Sofortnachrichten erhält, sie es ganz sicher nicht mit einem Häftling zu tun hat.

Die Person kann natürlich trotzdem „gecatfisht“ werden - aber die Chancen, dass ein Gefangener der Täter ist, sind außerordentlich gering.



Foto: Kittirat Roekburi / Shutterstock.com

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