• Prisoner X

#13 Darüber kann man nur lachen – Part III

Manche Gefangen lernen nie dazu und verschwenden ihre Zeit wieder und wieder, indem sie mit der Gefängnisverwaltung diskutieren. Ich vermeide normalerweise jeglichen Kontakt mit diesem Personenkreis. Sobald die Verwaltungsmitarbeiter -auch „Lügner Club" genannt– im Zuge ihres wöchentlichen Rundgangs auftauchen, schnappe ich mir ein Buch und lese, ohne auch nur einmal aufzuschauen, wenn sie vorbeikommen. Das erspart mir eine ganze Menge Ärger. Dennoch besteht nicht immer die Möglichkeit, sich von deren Unsinn abzukapseln.


An einem Wochenende vor nicht allzu langer Zeit saß ich an meinem Schreibtisch und aß zu Mittag. Jeder Insasse des Todestrakts hier in Terre Haute isst sämtliche Mahlzeiten in seiner Zelle, wobei das Essen auf einem Plastiktablett durch einen Schlitz in der Tür gereicht wird. Als ich also gerade dabei war, mein Mittagessen zu mir zu nehmen, wurde ich durch ein Klopfen an mein Fenster in der Zellentür unterbrochen, begleitet von den Worten „Hungerstreiks werden in dieser Einheit nicht toleriert!" Die Bereichsleiterin meines Zellenblocks stand vor der Tür und sah mich scharf an. Sie hatte freie Sicht sowohl auf mich als auch auf mein Essenstablett. Ich erwartete also, dass sie ihren Fehler ohne große Mühe selbst erkennen würde und sagte nur: „Sie sind in der falschen Zelle", während ich weiter aß. Es stellte sich heraus, dass ich ihre intellektuellen Fähigkeiten bei weitem überschätzt hatte.



Von der Führungsperson eines bestimmten Bereiches im Gefängnis würde man erwarten, dass sie am besten von allen über den ordnungsgemäßen Betrieb der Einheit und über die darin untergebrachten Häftlinge Bescheid weiß. In der Regel stellt sich jedoch das Gegenteil heraus und sie scheinen die am allerschlechtesten Informierten zu sein. Die meisten sind generell nicht bereit, Aussagen von Häftlingen zu berücksichtigen oder auch nur anzuhören. Darüber hinaus ignorieren sie in der Regel auch noch die Wärter vor Ort, die nicht zur Verwaltungsebene gehören und die in einem Gefängnis die gesamte eigentliche Arbeit erledigen. Das Individuum, mit dem ich es an diesem Tag zu tun hatte, erwies sich als nicht anders als die meisten.


Und schon brach es aus ihr heraus: „Versuchen Sie nicht, mir zu sagen, dass ich mich irre! Ich weiß sehr gut, vor welcher Zelle ich stehe. Ich weiß, dass Sie sich im Hungerstreik befinden, und ich kann Ihnen gleich sagen, dass Sie nicht bekommen, was Sie wollen, wenn Sie sich so verhalten!" Zu diesem Zeitpunkt tauchten dann die regulären Gefängniswärter auf. Einer von ihnen versuchte ihr klar zu machen, dass sie tatsächlich vor der falschen Zelle (und wie sich herausstellte, auch im falschen Stockwerk) stand, wie ich ihr gegenüber bereits angemerkt hatte, und der Häftling im Hungerstreik woanders aufzufinden war. So begann er seinen Satz mit „Das ist nicht...", als sie ihn abrupt mit einer Geste unterbrach und schnippisch erwiderte: „Ich erledige das, Danke!"


Vier Wärter standen schweigend daneben und sahen zu, wie sie begann, mir die Regeln aufzulisten, die ich brach, die Art und Weise, wie das Gefängnis reagieren würde, und die Strafen, die ich aufgrund des Hungerstreiks, den ich gar nicht führte, erhalten würde. Während sie die Gefängnispolitik herunterbetete, nahm ich mein Essenstablett, ging zur Tür und aß demonstrativ weiter. Wäre da nicht das Plexiglas zwischen uns gewesen, hätte sie die Hand ausstrecken und das Tablett berühren können. Irgendwann machte ich übertriebene Kaugeräusche und schmatzte laut, als ich mir das Essen in den Mund löffelte. Obwohl dies einige Wachen zum Kichern veranlasste, vermochte es dennoch keinen Eindruck auf deren illustre Vorgesetzte zu machen. Sie fuhr lediglich mit ihrer Rede fort und erzählte mir, wie ich jeden Tag von einem Arzt gewogen werden würde, und sobald ich zehn Prozent meines Körpergewichts verloren hätte, festgeschnallt und zwangsernährt werden würde - das wolle ich doch nicht, oder??


Schließlich tauchte eine Krankenschwester auf und fragte irritiert, was sie da täten, da sie oben bei dem Häftling im Hungerstreik gewartet hatte. Die Bereichsleiterin starrte sie einen Moment lang an, blickte die Wachen und dann mich an und fragte: "Warum haben Sie nichts gesagt??", bevor sie davonstürmte.


Unter Gefangenen wird die formelle Niederschrift, die man bekommt, um darüber informiert zu werden, dass man wegen Regelverstößen angeklagt wird, als shot bezeichnet. Jeder Vorfall dieser Art kommt vor einen Disziplinarbeamten zur Anhörung. Am nächsten Tag erhielt ich einen ganzen Stapel von shots. Offensichtlich hatte ich mich sowohl in einem Hungerstreik befunden als auch darüber gelogen, dass ich in einem Hungerstreik war – auch wenn ich nicht sicher bin, wie beides gleichzeitig zutreffen kann. Außerdem wurde ich der Unverschämtheit bezichtigt, mir wurde das Teilnehmen an einer Gruppendemonstration vorgeworfen, ebenso wie die Nichtbefolgung eines Befehls und die Gefährdung der Sicherheit der Einrichtung. Keiner der Berichte wurde ordnungsgemäß verfasst, wobei die Beschreibung des Ereignisses für jeden Vorfall vollständig weggelassen wurde. Der Disziplinarbeamte konnte sich selbst keinen Reim drauf machen und die Bereichsleiterin lehnte es ab, persönlich bei der Anhörung anwesend zu sein, um eine Erklärung abzugeben.


So selten es auch ist, dass ein Gefängnismitarbeiter einen Häftling im Konflikt mit einem anderen Mitarbeiter unterstützt, unter welchen Umständen auch immer, sprachen alle vier anwesenden Wärter für mich und sagten aus, dass nichts davon je passiert sei.


Ich wurde von allen Anklagepunkten freigesprochen, und alle Anschuldigungen wurden fallen gelassen. Aber es war dennoch eine ziemlich lästige Woche.


Was kann man angesichts solcher Ignoranz, Absurdität und Rachsucht tun? Man kann nur darüber lachen.


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Foto: LightField Studios / Shutterstock.com

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