• Prisoner X

#11 Darüber kann man nur lachen – Part I

Im Alltag eines normalen Menschen lassen sich viele Probleme durch die Anwendung gesunden Menschenverstandes vermeiden. Auch im Umgang mit fremden Menschen und ungewohnten Umständen kann man in aller Regel prognostizieren, welche Reaktionen das eigene Handeln beim Anderen hervorruft. Durch die Anwendung einer solchen Logik können Ergebnisse vorhergesagt und Konflikte vermieden werden und das Leben geht weiter.


Im Gefängnis hingegen ist das oft nicht möglich. Aus Gründen, die mir für immer ein Rätsel bleiben werden, lassen die meisten Menschen auch das letzte bisschen Vernunft und Logik hinter sich zurück, sobald sich die Gefängnistore hinter ihnen schließen. Das trifft bis zu einem gewissen Grad mit Sicherheit auf die Häftlinge zu, doch vor allem unter den Gefängnismitarbeitern scheint dieses Phänomen besonders verbreitet zu sein. Während die meisten gewöhnlichen Wärter zumindest den Anschein von geistiger Normalität wahren, kann man sich bei dem Großteil der Verwaltungsmitarbeiter darauf verlassen, dass sie in den meisten Situationen auf die denkbar irrationalste und sonderbarste Art und Weise reagieren werden. Manchmal ist das, was sie tun, so unsinnig, dass es sich jeglichem Verständnis entzieht. Nur selten ist es lustig, außer vielleicht im Nachhinein, aber manchmal kann man wirklich nur darüber lachen.


In einem früheren Beitrag habe ich erwähnt, dass vor dem Aufkommen von häftlingsorientierten sozialen Netzwerken der Posteingang für die meisten von uns sehr spärlich ausgefallen ist. Zu jener Zeit war es üblich, dass sich die Häftlinge für Werbepost registrierten - nur um bei der abendlichen Postauslieferung etwas zu erhalten. Nicht anders als jeder andere auch, habe ich mich ebenfalls für die Zustellung von Werbung angemeldet. Prospekte für Reiseangebote, Campingausrüstung, Autoteile, Kleidung und unzählige andere Produkte wurden an meine Tür geliefert und dienten dazu, die Langeweile zu vertreiben. In diesem Zeitraum bewarb die Automarke Ford gerade das SUV-Model Escape. Ihre Werbebroschüre kam in einem Umschlag, der außen in großen roten Buchstaben mit dem Schriftzug „Escape Plan Enclosed!“ bedruckt war - ein Ausbruchsplan sei enthalten.


Jeder vernünftige Mensch sollte sich darüber im Klaren sein, dass tatsächliche Gefängnisausbruchspläne nicht mit einem Etikett versehen werden. Einmal geöffnet und kontrolliert, wie alle eingehende Post, hätte die Tatsache, dass es sich lediglich um eine Werbung für den Ford Escape handelte, selbst einem Schwachkopf erlauben sollen, die Situation richtig einzuschätzen. Doch dem war nicht so.


Stattdessen wurde das gesamte Gefängnis abgeriegelt, wie bei jedem sich ereignenden Notfall. Eine Truppe von Wachen mit schwarzen Masken und voller Schutzausrüstung erschien vor meiner Tür. Mit Handschellen und Fußfesseln versehen wurde ich mit einem Sack über dem Kopf abgeführt. Meine Kleidung wurde mit einer Schere zerschnitten und ich wurde nackt in eine „Trockenzelle“ gesteckt - das ist im Grunde nur ein leerer Raum, ohne Waschbecken oder Toilette. Um wieder in eine normale Zelle entlassen zu werden, musste ich mich drei Mal vor laufender Kamera in einen Eimer entleeren, um zu beweisen, dass ich nichts in meinem Körper versteckt hatte.

Mein gesamter Besitz wurde konfisziert. Die Kleidung wurde an den Nähten zerrissen, um sicher zu stellen, dass dort nichts versteckt war. Shampoo, Zahnpasta, Kaffee und alles andere in einem Behältnis wurde ausgegossen, ausgedrückt oder ausgekippt, Uhr und Radio zertrümmert, alles aus demselben Grund. Ich wurde vollkommen isoliert festgehalten, durfte nicht telefonieren, keine Post verschicken und empfangen oder auch nur irgendwo in der Nähe anderer Häftlinge sein.


Die Untersuchung dauerte 90 Tage, doch selbst nach deren Abschluss wurde ich nie vollständig entlastet. Die Hinweise auf einen Fluchtversuch wurden als „nicht beweiskräftig“ eingestuft, also wurde mir mein Besitz - oder das, was davon übrig war - zurückgegeben und ich wurde in meine übliche Zelle zurückgebracht. In den folgenden fünf Jahren wurde ich jedoch als möglicher Fluchtverdächtiger weiteren Durchsuchungen unterzogen. Selbst nach 15 Jahren ist der Vorfall weiterhin in meiner Akte vermerkt und bereitet mir immer noch Probleme.


Damit es so weit kommen konnte, mussten mehr als ein Dutzend Personen in der Befehlskette die Aussage unterschreiben, dass eine ernsthafte Sicherheitsbedrohung vorlag. Lieutenants, Captains, der stellvertretende Direktor und der Direktor selbst waren daran beteiligt, aber zu keinem Zeitpunkt war irgendjemand so vernünftig zu sagen: „Das ist nur eine Broschüre!“


Für solche Entscheidungen werden diesen Leuten sechsstellige Jahresgehälter gezahlt. Was soll man da tun außer lachen?

Nächster Artikel der Serie: #12 Darüber kann man nur lachen - Part II


Foto: Inked Pixels / Shutterstock.com

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