• Prisoner X

#15 Darüber kann man nur lachen - Part V

In den späten 1990er Jahren, als ich noch relativ frisch im Gefängnis war, sah ich einen Film, der mich zutiefst berührte. Er handelte von der wahren Geschichte einer Jugendlichen, die an Leukämie stirbt, weil kein passender Spender für eine Knochenmarktransplantation gefunden werden konnte. Die Schauspielerin, die die Hauptrolle spielte, sah sehr krank aus, und ich vermutete, dass sie einfach eine ambitionierte Darstellerin war, die sich herunterhungerte, um das richtige Aussehen für die Rolle zu erreichen. Erst am Ende des Films fand ich heraus, dass sie überhaupt keine Schauspielerin war. Das Mädchen, von dem die Geschichte handelte, wirkte selbst am Film mit - im Sterben liegend während der Dreharbeiten. Noch bevor der Film überhaupt ausgestrahlt wurde, ist sie gestorben.


Sie wusste, dass für sie jede Hilfe zu spät kommen würde, verbrachte aber die letzten Tage ihres Lebens in der Hoffnung, das Bewusstsein für die Notwendigkeit von Knochenmarkspenden zu schärfen, um anderen zu helfen. Was für ein mutiger und selbstloser Mensch muss sie gewesen sein!


Offenbar ist es sehr schwierig, jemanden zu finden, dessen Gene ähnlich genug für eine solche Transplantation sind und es sind nicht annähernd genügend Personen als mögliche Spender registriert. Am nächsten Tag setzte ich mich mit der Leukämie-Gesellschaft in Verbindung und erkundigte mich, ob sich Gefängnisinsassen als Spender registrieren lassen könnten. Man sagte mir, dass die Kosten zu hoch seien, als dass eine einzelne Person den Aufwand wert wäre. Aber wenn ich eine kleine Gruppe von mindestens acht Personen zur Registrierung bewegen könnte, wären sie bereit, sich mit dem Gefängnis in Verbindung zu setzen und zu sehen, was sich machen ließe.


Ich setzte mich an diesem Nachmittag mit einer Reihe anderer Häftlinge zusammen und stellte ihnen die Idee vor. Zu meiner Überraschung waren ALLE bereit mitzumachen, ohne auch nur zu zögern. Mehr noch, denn jeder meiner Mitstreiter hatte noch weitere Insassen im Kopf, die ebenfalls interessiert sein könnten.


Bis zum Abend hatte sich das Vorhaben herumgesprochen. Einzelne Personen begannen, sich an mich zu wenden und zu fragen, ob sie sich beteiligen könnten. Die Führer mehrerer Gangs kamen zu mir, um alle ihre Mitglieder freiwillig zu melden. Es waren so viele, dass ich ein Formular erstellen musste, um den Überblick zu behalten. In sehr kurzer Zeit hatte ich über 600 Freiwillige beisammen. Ich bin der festen Überzeugung, dass ich in wenigen Tagen alle Personen, deren Gesundheitszustand sie nicht als Spender ausschloss, zu einer verbindlichen Registrierung gebracht hätte.


Als ich die Leukämie-Stiftung erneut mit dieser Information kontaktierte, war die Vertreterin am Telefon begeistert. Wir wären die größte Einzelspendergruppe, die sich in der Geschichte der Stiftung registrieren lassen würde. Nach einer Diskussion darüber, wie wir vorgehen sollten, erklärte ich mich bereit, die Idee dem Direktor vorzustellen und ihm die entsprechenden Kontaktinformationen zukommen zu lassen, um die Einzelheiten auszuarbeiten.



Zu der Zeit befand ich mich noch nicht in der Todeszelle, sondern im offenen Trakt, wo sich die Häftlinge mit Einschränkungen relativ frei bewegen können. Wie üblich versammelten sich damals die Verwaltungsmitarbeiter einmal wöchentlich im Speisesaal – eine Gelegenheit, die ich nutzte, um an den Gefängnisdirektor heranzutreten und ihm meine Idee vorzustellen, den Anmeldebogen mit allen Freiwilligen zu überreichen und auszuführen, wie der Registrierungsprozess ablaufen würde, und dass die Stiftung dafür zahlen würde. Ich versuchte ihm zu vermitteln, wie viele Kinder durch unser Vorgehen möglicherweise gerettet werden könnten. Ich erklärte ihm, dass ich nicht an irgendeiner Art von Anerkennung interessiert sei - ich wollte nur, dass das Vorhaben durchgeführt würde, er könne das Projekt als sein eigenes übernehmen, wenn er wolle.


Ich war mir sehr sicher, dass dadurch viel positives Interesse von außen hervorgerufen und seine Karriere gefördert werden würde. So nahm ich an, dass dieses Vorhaben für ihn unwiderstehlich wäre und er die Führung übernehmen wolle, was mich überhaupt nicht gestört hätte.


Ein Szenario, welches ich niemals für möglich gehalten hätte, war, dass er die Idee gänzlich ablehnen würde - dazu war das Anliegen einfach zu wichtig und hatte zu viel Potenzial, Gutes zu tun. Ich malte mir bereits aus, wie die Registrierungswelle auf andere Gefängnisse überschwappen würde und stellte mir vor, wie sich die Zahl der Spender auf Tausende, gar Hunderttausende, belaufen würde und dachte an all die Kinder, deren Leben gerettet werden könnte.


Der Direktor hörte mir aufmerksam zu, nickte und lächelte nebenbei. Als die Präsentation beendet war und ich erwartungsvoll wartete, zeigte er auf mich und befahl: " Sperrt ihn ein". Ich wurde umgehend in Isolationshaft gesteckt. Die Telefonnummer der Stiftung wurde von der Liste meiner genehmigten Anrufer gestrichen, meine Briefe beschlagnahmt und meine gesamte Post einer zusätzlichen Prüfung unterzogen, um sicherzustellen, dass ich nicht jemand anderen bat, sich in meinem Namen an die Stiftung zu wenden.


Nach mehreren Monaten wurde ich aus der Isolationshaft entlassen. Ich war nie wegen eines tatsächlichen Regelverstoßes angeklagt worden, und es wurde nie formell gegen mich ermittelt. Aber mir wurde unmissverständlich zu verstehen gegeben, dass ich, wenn ich jemals wieder etwas Derartiges organisieren würde, wieder in die Zelle gesperrt werden und nie wieder herauskommen würde.


Als ich endlich erneut in Kontakt mit der Stiftung treten konnte, stellte ich fest, dass der Direktor in der Tat mit ihnen gesprochen hatte. Obwohl er den Anmeldebogen beschlagnahmt hatte und somit sicher wusste, dass ich die Wahrheit gesagt hatte, behauptete er, dass es überhaupt keine Freiwilligen gegeben habe, und dass ich einfach ein Betrüger sei, der versuche, sie in irgendeiner Weise auszunutzen. Alles, was meine Kontaktperson mir zu sagen hatte war, dass ich ein Drecksack sei und sie nie wieder mit mir in Kontakt treten würden. Ich bin sicher, dass meine Diskreditierung in ihren Augen jede Chance auf zukünftige Zusammenarbeit mit Häftlingen zunichte gemachte hatte.


In den Jahren seit diesem Zwischenfall habe ich erkannt, dass es eine unausgesprochene Wahrheit über das Gefängnis gibt: jede Handlung, die die Häftlinge in ein positives Licht stellt, wird nicht toleriert, ausnahmslos. Alle Gefängnisverwalter bilden in dieser Sache eine geschlossene Front.


Es mag den Anschein erwecken, als sei all das nur ein Teil einer bizarren Verschwörungstheorie, die ich mir ausgedacht habe, und ich wünschte wirklich, dem wäre so. Aber es ist die harte Realität. Die Wahrnehmung von Häftlingen, die als kalte, gefühllose Killer die Öffentlichkeit bedrohen, ist gleichbedeutend mit größeren Budgets, größerer Autonomie für die Verwalter und weniger Kritik. Gefangene, die sich zusammenschließen, um Kindern zu helfen, tun nichts zum Nutzen der Verwaltungsmitglieder. Also ist alles, was dem nahe kommt, schlichtweg nicht gestattet und wird immer im Keim erstickt werden.


Was kann man anderes tun als lachen?


Vorherige Artikel:

#14 Darüber kann man nur lachen - Part IV

#13 Darüber kann man nur lachen - Part III

#12 Darüber kann man nur lachen - Part II

#11 Darüber kann man nur lachen - Part I

Foto: MemoryMan / Shutterstock.com





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