• Prisoner X

#12 Darüber kann man nur lachen – Part II

Jeden Donnerstag begeben sich die Mitarbeiter der Gefängnisverwaltung im US-Bundesgefängnis Terre Haute auf einen Rundgang durch den Zellentrakt. Direktoren, stellvertretende Direktoren, Captains, Lieutenants und Abteilungsleiter - alle gemeinsam ziehen sie wie Touristen durch die Gefängnisgänge, scheinbar die Tatsache vergessend, dass sie dabei alle üblichen Abläufe des jeweiligen Zellenblocks unterbrechen. Aufgrund des selbst empfundenen Wichtigkeitsgrades der Verwaltungsangestellten müssen alle nicht-administrativen Mitarbeiter, die üblicherweise die eigentliche Arbeit zur Aufrechterhaltung des Gefängnisbetriebes leisten, diesen zur Verfügung stehen, solange sie sich im jeweiligen Bereich aufhalten. Wenn sie dann endlich fertig sind und weiterziehen, sind die Mahlzeiten, Besuche, die Stunde an der frischen Luft, die jedem Häftling zusteht, und alles andere, was normalerweise geplant ist, eine Stunde oder mehr in Verzug geraten.



Unter den Teilnehmern wird dieses Ereignis als „Executive Rounds“ bezeichnet – was mit Führungsrunde übersetzt werden könnte. Alle anderen, sowohl die Häftlinge als auch das Personal, bezeichnen die Truppe einfach nur „Liar's Club“ – den Lügner-Club - und das aus gutem Grund. Die vermeintliche Absicht der Rundgänge ist es, den Gefangenen die Möglichkeit zu geben, Fragen zu stellen oder Probleme anzusprechen und diese von den Verantwortlichen lösen zu lassen. In Wirklichkeit wird dieses Prozedere nur vollzogen, weil das Verwaltungspersonal durch Vorschriften dazu gezwungen wird und es geschieht nur um des äußeren Anscheins willen. Ihr einziges wirkliches Ziel ist es, den Zellenblock so schnell wie möglich wieder zu verlassen. Im Dienste dieses Anspruchs hat jeder Verwaltungsmitarbeiter eine Reihe von Antworten parat, die auf jeden Umstand angewendet werden können. „Ich verstehe“, bedächtig nickend. „Ich glaube, wir sind uns dessen bewusst.“ … „Wir arbeiten bereits daran.“ … „Ich beobachte das Problem.“ … „Das wird bald gelöst werden.“


Da Hunderte von Häftlingen entlang des Weges beteiligt sind, kann sich später niemand an alle Namen oder die aufgeworfenen Fragen erinnern - aber das hat auch niemand vor. In dem seltenen Fall, dass Plattitüden nicht ausreichen, ist jeder bereit, jegliche Lüge zu erzählen, von der er glaubt, dass sie den Gefangenen für den Moment besänftigen wird. Alles, was sie brauchen, ist genug Zeit um wegzugehen, denn sobald sie außer Sichtweite sind, wird es zum Problem eines anderen.


Ab und zu trifft man tatsächlich auf Bemühen und Wohlwollen - von Neuzugängen. Mit dem Notizbuch in der Hand notieren sie sich die verschiedenen Beschwerden, und viele Häftlinge wenden sich tatsächlich an sie. Dabei fallen sie hinter die Gruppe zurück, immer weiter, bis alle anderen verschwunden sind und sie zurückgelassen werden. Danach wird diese Person vom Vorgesetzten dafür getadelt, dass sie nicht Schritt gehalten hat, während die übrigen Kollegen sie belächeln und verspotten. In kürzester Zeit lernt jeder, sich der gängigen Praxis anzupassen und sämtliche Bemühungen aufzugeben - oder sie verschwinden aus den Runden und werden nie wieder gesehen.


Der Status Quo wird sich wohl immer durchsetzen. Die Probleme werden weiterhin ungelöst bleiben, die Verwalter werden weiterhin ihre aufgeblähten Gehälter beziehen, das Gefängnisbudget erhöhen und den Steuerzahler belasten ohne einen nennenswerten Beitrag zu leisten. Das scheint der Weg der meisten Regierungsbeamten zu sein, und ich bezweifle, dass sich das jemals ändern wird. Man kann darüber nur lachen.


Vorausgegangener Artikel: #11 Darüber kann man nur lachen – Part I



Foto: OFFFSTOCK / Shutterstock.com


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