• Prisoner X

#4 Das Schlimmste – Part III

Als Folge von Schlafmangel können Reizbarkeit, Stimmungsschwankungen und Depressionen auftreten - so lautet das Ergebnis verschiedener Studien. Schlafentzug kann dazu führen, dass Menschen unter mangelndem Urteilsvermögen, Halluzinationen und dem Verlust kognitiver Fähigkeiten leiden. Sowohl die körperliche als auch die geistige Gesundheit können beeinträchtigt werden, im Extremfall kann der Entzug von Schlaf sogar tödlich enden.


Während die frühen Phasen des Schlafes als körperlich erholsam gelten, wird davon ausgegangen, dass die tiefere Schlafphase der geistigen Erholung dient und für die psychische Stabilität notwendig ist. Das Integrieren neuer Informationen in das Gehirn findet hauptsächlich während des sogenannten REM-Schlafs (REM für Rapid Eye Movement) statt - einer Schlafphase, die jedoch erst gegen Ende eines vollständigen Schlafzyklus eintritt.


Ich habe einmal den Aufwand betrieben, meine eigene Schlaflosigkeit über einen längeren Zeitraum zu dokumentieren. Das gesamte Jahr 2015 habe ich mit einem Tagebuch neben meinem Bett verbracht. Meine Notizen geben Zeugnis darüber, wann ich ins Bett gegangen und wann ich aufgestanden bin sowie über alles, was dazwischen passiert ist - wie häufig ich aufgewacht bin, wann und aus welchem Grund. Die Auswertung dieser Dokumentation war selbst für mich überraschend.


Im Laufe dieses einen Jahres lag das Minimum bei fünf Mal Aufwachen innerhalb von sieben Stunden. In einigen Nächten herrschte ein derartiger Geräuschpegel, dass jeder Versuch einzuschlafen vollkommen zwecklos war.


Der Rekord für Unterbrechungen meines Schlafes in solchen Nächten, in denen Schlafen durchaus möglich gewesen wäre, lag bei 22 Mal, in achteinhalb Stunden. Die längste Phase eines ununterbrochenen Schlafes, die ich in diesem einen Jahr erreichen konnte, hatte eine Dauer von zwei Stunden und siebzehn Minuten.



Es gibt ein Auf und Ab des Lärmpegels im Gefängnis. Es gibt solche Phasen, die schlimmer sind als andere, und jene, in denen die Geräuschkulisse insgesamt erträglich ist. Dennoch denke ich, dass dieses eine Jahr, in dem ich diese Aufzeichnungen geführt habe, einer durchschnittlichen Darstellung der Situation entspricht und als akkurate Grundlage für die Erfahrungen eines jeden Gefangenen betrachtet werden kann. Nur diejenigen, die stark unter Medikamenteneinfluss stehen, gelingt es je, eine ganze Nacht durchzuschlafen. Es ist keine Übertreibung, wenn ich sage, dass mehr als 25 Jahre vergangen sind, seit ich acht Stunden am Stück geschlafen habe.


Jede Studie über die Auswirkungen von Schlaflosigkeit, von der ich je gehört habe, wurde in einem relativ kurzen Zeitraum durchgeführt. Meistens betrug der Zeitrahmen der Forschungen ein paar Tage oder Wochen. Nur wenige beschäftigen sich mit den Auswirkungen von Schlafentzug über ein ganzes Jahr hinweg und ich erinnere mich an keine einzige, die sich auf mehrere Jahre erstreckt.


Ich bezweifle, dass es auch nur einen Leser gibt, der noch nie mit Schlafentzug zu kämpfen hatte. Ob man zu lange feiern war oder eine Doppelschicht hinter sich hatte, jeder wird wissen, wie miserabel und unausgeglichen man sich nach einer kurzen Nacht fühlt. Jede Mutter, die ein kleines Kind aufgezogen hat und Monate unter Schlafentzug zu leiden hatte, kann bestätigen, wie sich ein chronischer Schlafentzug emotional und psychisch auswirkt.

Nun dehnen Sie dieses Gefühl aus auf Monate… Jahre… Jahrzehnte… das ganze Leben. Stellen Sie sich den Zustand vor, in den eine solche Tortur Sie versetzen würde. Würde irgendjemand bezweifeln, dass dieser Schlafentzug weitreichende Auswirkungen auf den menschlichen Geist hat?

Diese Situation dauert für mich schon so lange an, dass ich den Schlafentzug nicht mehr als etwas Ungewöhnliches empfinde. Aber es besteht kein Zweifel daran, dass ich, ebenso wie die meisten anderen Häftlinge, auf einer Ebene der ständigen kognitiven Beeinträchtigung agiere. Es ist kein Zufall, dass die gängigsten Probleme der Gefängnisbevölkerung wie etwa Reizbarkeit, Depressionen, schlechtes Urteilsvermögen und die Unfähigkeit, Informationen zu speichern, genau den Symptomen von Schlafentzug entsprechen.


Dennoch habe ich noch nie eine gründliche Studie über die Schlafgewohnheiten von Gefangenen gesehen. Man könnte meinen, dass jemand die Tragweite einer solchen Problematik inzwischen erkannt hätte, aber vielleicht traue ich den "Gefängnis-Experten" an dieser Stelle zu viel zu.


Bei Betrachtung dieser Aspekte ist es, denke ich, für jeden nachvollziehbar, dass ich den Lärm und den damit verbundenen Schlafmangel zu den schlimmsten Dingen im Gefängnis zähle.



Picture: Danai Khampiranon / Shutterstock.com

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