• Prisoner X

#3 Das Schlimmste – Part II

Die Dinge, die im Gefängnis die stärksten Auswirkungen haben und am schwersten zu ertragen sind, sind in der Regel eher psychischer als physischer Natur. Für mich selbst und für die meisten anderen, die zumindest noch den Anschein von Normalität wahren können, ist Lärm mit Abstand eines der schlimmsten Dinge im Gefängnis - Lärm und der Schlafmangel, der damit einher geht.

Der Geräuschpegel im Gefängnis ist unnachgiebig, er trifft einen auf einer primitiven Ebene und ruft Reaktionen hervor, die man von sich selbst nicht erwartet hätte. Der Lärm ist konstant, allgegenwärtig und völlig unausweichlich. In jedem Gefängnis herrscht eine unaufhörliche Kakophonie aus einem klirrenden, dröhnenden, schreienden, fluchenden, weinenden, singenden, streitenden, zeternden, tobenden, Metall-auf-Metall, Nägel-auf-einer-Tafel, akustischen Chaos – eine buchstäbliche Symphonie der Verdammten.

Ich habe gelesen, dass die US-Regierung im Gefängnis von Guantanamo Bay Krach in Form von Musik, die zu jeder Zeit gespielt wird, als Waffe gegen die Gefangenen benutzt hat. Auf diese Weise sollte ihr Wille gebrochen und ihr Geist zermalmt werden, um sie weniger widerstandsfähig und empfänglicher für Verhöre zu machen. In normalen Gefängnissen sind solche künstlichen Mittel nicht erforderlich. Diejenigen, die wütend oder traurig sind, ebenso wie jene, die unter Langeweile leiden und die geistig Gestörten tragen gemeinsam dazu bei, dass der Lärm zu einer Kulisse wird, die den Eindruck erweckt, sie würde auf natürliche Weise von der Umgebung selbst erzeugt werden – unabhängig von allem drumherum, ein Eigenleben führend. Der Krach ist ebenso unbeschreiblich wie unerträglich und kann eine Person buchstäblich an den Rand des Wahnsinns treiben – und darüber hinaus.



Wenn es jemandem gelingt, sich derart an den Lärm zu gewöhnen, dass es ihm möglich ist, trotzdem zu schlafen, ist es die Arbeitsweise der grundlegenden Gefängnispolitik, die es unmöglich macht, ein wenig ununterbrochenen Schlaf zu bekommen. Jeder Gefangene im SCU, dem Todestrakt des Bundesgefängnisses in Terre Haute, muss halbstündig bei einer visuellen Kontrolle erfasst werden. Die schriftlichen Anforderungen an diese Kontrollen bestehen darin, dass der ausführende Wärter entweder die Augen des Häftlings sehen muss oder sicherstellt, dass die Person sich körperlich bewegt. Die angeführten Gründe für eine solche Vorschrift sind die „Gefangenensicherheit" - um sicherzustellen, dass jede Person am Leben ist - sowie die „Gefängnissicherheit“, um sich gegen einen möglichen Täuschungsversuch von Häftlingen abzusichern, die einen Dummy hinterlassen und einen Fluchtversuch wagen könnten.


Konkret bedeutet dies, dass ein Wärter die ganze Nacht über alle 30 Minuten eine Taschenlampe in die Augen eines jeden Gefangenen leuchtet und/oder an die Tür klopft, bis sich die Person bewegt oder die Augen öffnet. Einige Wachen nutzen dies als Gelegenheit für Schikanen und erfreuen sich am Aufwecken aller und den daraus resultierenden Folgeproblemen. Andere tun nur ihre Arbeit und versuchen die Störung auf ein Minimum zu beschränken. Unabhängig von der Absicht bleibt der Effekt der gleiche: Jeder Gefangene wird im Laufe der Nacht mehrmals geweckt. Da sich diese Richtlinie auf „die Sicherheit der Institution" bezieht, wird kein Ausmaß an Überzeugungsarbeit oder Schwall an Beschwerden jemals dazu führen, dass sich dies in nennenswertem Umfang ändern wird.



Foto: Motortion Films / Shutterstock.com

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