• Prisoner X

#16 Nicht alles dreht sich um Gangs – Part I

Jedes US-Bundesgefängnis verfügt über eine Abteilung für Sonderermittlungen, genannt Special Investigative Services (SIS). Dort liegt die Zuständigkeit für die Untersuchung der meisten internen Probleme in einem Gefängnis, von Morden und anderen Übergriffen bis hin zu mutmaßlichem Drogenschmuggel und verdächtigen Geldtransfers. Eine weitere Aufgabe kann mit jener der Abteilung für innere Angelegenheiten einer regulären Polizeieinrichtung verglichen werden, da das SIS auch Vorwürfen von Fehlverhalten und anderen Beschwerden gegenüber Gefängnismitarbeitern nachgeht.


Es ist daher nicht überraschend, dass das SIS keine große Beliebtheit genießt. Unter den eigenen Leuten werden sie normalerweise verachtet und unter keinen Umständen spricht ein normaler Häftling mit den Vertretern des SIS. Dazu kommt, dass das SIS nicht direkt im Zellenbereich arbeitet wie die anderen Wärter, und so kaum über eigene Erfahrungen aus dem Gefängnisalltag oder mit den Häftlingen verfügt. Die einzigen Interaktionen zwischen dem SIS und Gefängnisinsassen finden mit deren Spitzeln statt.


Die Häftlinge, die dem SIS als Informanten dienen, sind fast immer Drogensüchtige. Ein Süchtiger im Gefängnis hat normalerweise weder die Möglichkeit Geld zu verdienen noch die Bereitschaft, es überhaupt zu versuchen. Als Informant des SIS kann man jedoch zu einem Einkommen gelangen - sei es in Form von Drogen oder Bargeld, welches auf das Konto des Häftlings eingezahlt wird, oder auch durch Wertgegenstände, die von anderen Gefangenen beschlagnahmt wurden, wie etwa Briefmarken, Lebensmittel oder Schuhe, die gegen Drogen getauscht werden können.


Wenn der Informant eine hohe Drogenschuld bei einem bestimmten Dealer hat, die er nicht bezahlen kann, kann er diese Person einfach anzeigen und die Schulden verschwinden, da der Dealer umgehend weggesperrt wird. Bandenchefs verpfeifen oft andere, um die Schuld für Dinge, die sie selbst getan oder zumindest angeordnet haben, auf jemand anderen abzuwälzen. So mancher Gefangene, der sich um seine eigenen Angelegenheiten kümmert und nicht in Gefängnisverbrechen oder Bandenaktivitäten verwickelt ist, hat auf dem Weg in die Isolationshaft und zur Strafverfolgung erfahren, dass er der Anführer einer Gang sei, während der eigentliche Kopf der Bande selbstgefällig mit dem Finger auf ihn zeigt.


Nicht-Bandenmitglieder, die nach Anerkennung suchen, erfinden Geschichten um zu behaupten, dass sie in der Bandenhierarchie weit oben stehen. So ist schon das ein oder andere Bandenmitglied vor Gericht gelandet und hat dort gehört, wie es einem „Bruder“, den es noch nie zuvor gesehen hat, ein Verbrechen gestanden oder auf dessen Befehl gehandelt hat.



Paradoxerweise – und den Umständen geschuldet, wie die Dinge hier so laufen – hat das SIS, welches eigentlich am besten darüber informiert sein sollte, was im Gefängnis vor sich geht, letztendlich ein extrem verzerrtes Bild der Gefängnisrealität. Dadurch glauben sie Dinge zu wissen, die sich in der Art nie ereignet haben und weit entfernt von den tatsächlichen Gegebenheiten sind.


In Gefängnissen mit viel echter Gang-Aktivität werden die Beamten des SIS von ihren Spitzeln oft auf eine wilde Katz-und-Maus-Jagd geschickt, während die wahren Probleme vernachlässigt werden und unbemerkt bleiben. Schon dort nimmt Zusammenspinnen von Bandenverschwörungen teilweise lächerliche Ausmaße an. Aber gerade die Gefängnisse mit geringer Bandenaktivität, in denen das SIS seine Existenz rechtfertigen muss, sind Herd der ausgefallensten Verschwörungstheorien der SIS-Beamten.


Wie bereits an anderer Stelle erwähnt, kommt es im Todestrakt des Bundesgefängnisses in Terre Haute kaum zu gewaltvollen Auseinandersetzungen. Seit es die Todeszellen hier gibt, kam es nur zu einem einzigen schweren Angriff. Ich bin persönlich mit beiden Personen, die in diesen Vorfall verwickelt waren, vertraut und weiß darüber Bescheid, was sich damals ereignet hat. Obwohl einer der beiden Häftlinge weiß war und der andere schwarz, hat die Hautfarbe in dieser Angelegenheit keine Rolle gespielt. Auch hatte der Konflikt nichts mit der Zugehörigkeit zu einer Gang zu tun. Doch als das SIS eingeschaltet wurde, erfuhren sie von „zuverlässigen Informanten“, dass es sich in Wirklichkeit um eine Verschwörung handele, an der mehrere Personen beteiligt seien. Weder die Informanten noch die der Verwicklung Beschuldigten hatten tatsächlich Kenntnis von den Vorgängen. Trotzdem wurde der Vorfall am Ende einer Bande angelastet – einer, die es in diesem Gefängnis nicht einmal gibt!


Was meine persönlichen Erfahrungen mit dem SIS im Laufe der Jahre betrifft, so hat man mich zu verschiedenen Zeiten als Mitglied von insgesamt elf verschiedenen Banden eingestuft. In jedem Fall wurde dies von „zuverlässigen Informanten“ bestätigt. Selbst diejenigen, die nur wenig über die Funktionsweise von Gangs wissen, können sicher erkennen, dass niemand in so vielen Gangs gleichzeitig sein oder von Gang zu Gang wechseln kann, ohne ermordet zu werden.


Aber die Realität darf niemals den Theorien des SIS oder dem, was von einem Informanten kommt, widersprechen. So wurde jedes dieser wild zusammenfantasierten Ereignisse als so sicher wie das Amen in der Kirche betrachtet und die Spitzel wurden gut für ihre fiktiven Geschichten bezahlt.


Wenn Sie sich eine Fernsehshow über Gefängnisse und Gefängnisbanden ansehen, versuchen Sie, all dies im Hinterkopf zu behalten. Selbst wenn eine Aussage direkt von jemandem kommt, der behauptet, ein „Gang-Experte“ zu sein, oder von jemandem, der als „Bandenführer“ identifiziert wurde, bedeutet das nicht unbedingt, dass er weiß, wovon er spricht.


Ungeachtet dessen, was einige Ihnen vielleicht glauben machen wollen, hat nicht alles im Gefängnis mit einer Gang zu tun.



Foto: Oleg Elkov / Shutterstock.com

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