• Prisoner X

#19 Nicht alles dreht sich um Gangs – Part IV

Keine Beitragsserie, die sich mit dem Thema Gangs befasst, wäre vollständig ohne meine absolute Lieblingsgeschichte über Banden. Sie ist ein bisschen anders als der Rest, sollte aber dennoch von Interesse sein.

Vor Jahren traf ich einen Häftling namens Howie. Er war ein Biker, heroinsüchtig und bemerkenswert unglaubwürdig und skandalös, in einer Umgebung voller Menschen, die einen solchen Charakter vorleben. Er duschte nie, sein Argument dagegen war: "Das ist schlecht für dich! Wasser rostet Metall, der Scheiß kann nicht gut für die Haut sein!" Ständig kurz davor, wegen seiner Drogenschulden ermordet zu werden, hatte er nur eine einzige Überlebensfähigkeit: Er war der lustigste Kerl, den es gab. Er konnte tatsächlich jemanden zum Lachen bringen, der mit einem Messer auf ihn zukam. Er war der Typ mit 100 Geschichten, ein virtuoser Erzähler des Absurden, und er schaffte es immer wieder, einen Ausweg zu finden und irgendwie über die Runden zu kommen.

Irgendwann gelang es ihm wie durch ein Wunder lange genug, nicht mit Drogen erwischt zu werden, um in ein Gefängnis mit niedrigerer Sicherheitsstufe verlegt zu werden. Es überraschte niemanden, dass er nach wenigen Monaten wieder zurückkehrte, weil er beim Urintest positiv auf Drogen getestet wurde. Er brachte seine neueste und eher dubiose Geschichte mit - darüber, wie er aus Versehen eine Bande gegründet hatte.


Bei seiner Ankunft im neuen Gefängnis hatte sich schnell herumgesprochen, dass er aus einem berüchtigten Hochsicherheitsgefängnis gekommen war. Bald wurde er von denjenigen aufgesucht, die begierig darauf waren, die Geschichten von Chaos und Mord zu hören, welche die Grundsubstanz der Gerüchte rund um jedes gefährliche Gefängnis bilden. Howie war mehr als glücklich, genau das zu liefern, zweifellos mit großen Übertreibungen gratis dazu. Als man ihn schließlich fragte, ob er in einer Gang sei, antwortete er mit "Ja".

Er schwor, dass es zunächst nur der Selbstbelustigung diente, indem er ihnen von lächerlichen Vorkommnissen erzählte und Unsinn auf unverschämte Lügen aufbaute, nur um zu sehen, was sie glauben würden. Erst nachdem die Schwachköpfe alles, was er ihnen erzählte, gefressen hatten, wurde ihm klar, dass er die Situation zu seinem persönlichen Vorteil nutzen konnte.

Es muss dabei berücksichtigt werden, dass Gefängnisse mit niedrigerer Sicherheit immer vollgestopft sind mit jungen Männern, die über wenig Lebenserfahrung und noch weniger gesunden Menschenverstand verfügen, mit geringem Selbstwertgefühl und die nichts in ihrem Leben haben, worauf sie stolz sein könnten. Sie sind oft ängstlich und auf der Suche nach etwas, das ihnen das Gefühl gibt, sicher und integriert zu sein, während sie sich gleichzeitig nach Anerkennung und Status sehnen. Wenn man sich einer Gang anschließt, bekommt man all das - man wird von einem Niemand zu einem Jemand, im Handumdrehen. So ist es nicht wirklich verwunderlich, dass viele, wenn sie einem " echten " Bandenmitglied aus einem Hochsicherheitsgefängnis begegnen, fragen, wie sie beitreten können.

Er konnte nicht den Namen einer tatsächlichen Gang verwenden - die Behauptung, Teil einer Bande zu sein, wenn man es nicht ist, ist ein tödliches Vergehen, das einen für immer verfolgt. Nicht einmal Howie war dumm genug, das zu versuchen. Deshalb nannte er seine neue Gang Knacknoids, und schon bald ließ er seine Anhänger sich gegenseitig mit dem Star Trek-Gruß signalisieren, dass sie Teil der Gang waren. (Man würde erwarten, dass der Name und der Gruß das Spiel auffliegen ließen, aber diejenigen, die sich Gangs anschließen wollen, sind normalerweise nicht die hellsten Kerzen auf der Torte.) Der Gründer der Knacknoids war Moose, ein Riese von einem Mann, der Gefängnisse übernommen, Aufseher angegriffen und diverse Morde begangen hatte. Kurz gesagt: er war der gefährlichste und gefürchtetste Mensch hinter Gittern. Um zu dieser exklusiven Gruppe zu gehören, mussten die angehenden Mitglieder nur 200 Dollar für die Aufnahme in die Gang aufbringen, dann noch einmal 50 Dollar monatlich in Form von Mitgliedsbeiträgen.

Dieses Geld war angeblich für die Unterstützung ihrer vielen "Brüder" bestimmt, die im Hochsicherheitstrakt eingesperrt waren, wie zum Beispiel der mächtige Moose. In Wirklichkeit gingen die Zahlungen natürlich direkt an den Drogendealer, dann in Howies Arm. Es dauerte nicht lange, bis er seine Knacknoids dazu brachte, anderen Gefangenen alles zu rauben, was gegen Drogen eingetauscht werden konnte, und später die Dealer selbst auszurauben. Dann fiel Howie bei einem Urintest durch und wurde zurück in das Gefängnis gebracht, in dem ich ihn kennengelernt hatte.

Niemand konnte sagen, ob die Story auch nur einen Funken Wahrheit enthielt. Er hatte immer eine Geschichte auf Lager, von denen nur wenige jemals auf wahren Begebenheiten beruhten. Doch sie war zu gut, um ignoriert zu werden, und endete damit, dass sie endlos wiederholt wurde, bis alle davon gehört hatten.

Einige Jahre später traf eine Gruppe von Gefangenen aus einem Gefängnis mittlerer Sicherheitsstufe bei uns ein. Sie begannen sich nach Leuten zu erkundigen, die einen gewissen Moose kennen könnten. Sie nannten sich zu diesem Zeitpunkt The Knack und waren wütend darüber, dass die gefängnisinterne Abteilung für Special Investigative Services (SIS) sich geweigert hatte, sie als eine echte Gang anzuerkennen. (Ob Sie es glauben oder nicht, die Bezeichnung Security Threat Group oder STG - eine Bezeichnung für Gruppierungen, die eine Sicherheitsbedrohung darstellen - ist für kleine Banden, die verzweifelt nach Anerkennung suchen, ein Prestigepunkt.) Deshalb hatten sie einen Massenangriff im Speisesaal angezettelt, bei dem etwa ein Dutzend andere Gefangene verletzt wurden, woraufhin sie alle in die höhere Sicherheitsstufe verlegt wurden.

Als sie ankamen und erwarteten, eine Art Berühmtheit zu sein, konnten sie das ganze Gelächter nicht verstehen. Als man ihnen Howie vorstellte, hatten sie keine Ahnung, wer er war. Die ursprünglichen Kandidaten hatten nach seiner Verlegung weitere Personen angeworben, die dann wiederum andere ansprachen. Die Männer, die nun vor uns standen, waren Rekruten der 4. oder 5. Generation. Sie kannten nur die Entstehungsgeschichte, nicht jedoch die Person, die sie sich ausgedacht hatte. Als er ihnen also ins Gesicht lachte und ihnen sagte, dass Moose gar nicht existierte, griffen sie ihn sofort an und hätten Howie fast getötet, weil er ihren Anführer verleumdet hatte. (Nach diesem Vorfall erzählte er die Geschichte nicht mehr so gern!)

The Knack hat sich nie als echte Bande etabliert. Sie wurden schnell von tatsächlichen Bandenmitgliedern, die ihre Geschichte kannten, "eingecheckt" (dazu gezwungen, Schutzhaft zu beantragen), und das war's dann. Es gibt jedoch nach wie vor mehrere Einrichtungen mit niedrigerer Sicherheitsstufe, in denen sie fortbestehen, und ich höre hin und wieder von ihnen. Zweifellos sind sie immer noch vergeblich auf der Suche nach ihrem so schwer fassbaren Anführer, dem berüchtigten Moose.

Anscheinend handelt es sich nicht mal dann notwendigerweise um eine Gang, wenn die Mitglieder es selbst glauben!



Vorherige Artikel:

#16 Nicht alles dreht sich um Gangs – Part I

#17 Nicht alles dreht sich um Gangs – Part II

#18 Nicht alles dreht sich um Gangs – Part III


Foto: Georgios Tsichlis / Shutterstock.com

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