• Prisoner X

#17 Nicht alles dreht sich um Gangs – Part II

Meine jüngste Begegnung mit der bizarren Haltung des Special Investigative Service (SIS) - einer Abteilung für gefängnisinterne Ermittlungen - und dessen unreflektiertem Beharren darauf, dass alles in Zusammenhang mit Gangs stehen muss, war im vergangenen Jahr. Ursache der Ermittlungen: eine Mütze.

In den Gefängnissen, in denen die Häftlinge nicht in Einzelhaft verwahrt werden, sondern sich relativ frei bewegen können, gibt es eine Fülle an Arbeitsmöglichkeiten für die Gefangenen. Die von der Behörde für Bundesgefängnisse geführte Marke Unicor, die von Militärbekleidung über Postsäcke bis hin zu Möbeln alles Mögliche herstellt, zahlt am besten. In den ‘90er Jahren habe ich für Unicor Kabelbäume für Hubschrauber, Militärfahrzeuge und Krankenwagen sowie Platinen für militärische Kommunikationsgeräte hergestellt. Daneben stellt der Lebensmittelservice eine große Zahl an Arbeitsplätzen zur Verfügung. Neben Köchen, Bäckern, Küchengehilfen und denjenigen, die das Essen verteilen, werden auch Tellerwäscher gebraucht. Dann gibt es noch den Wartungsdienst, der für die endlosen Reparaturarbeiten an den Sanitär-, Heizungs- und Klimaanlagen zuständig ist, sowie für zahlreiche andere Aufgaben wie beispielsweise Malerarbeiten. Im Bildungsbereich gibt es immer Arbeit, sei es als Bibliothekar oder Tutor, außerdem müssen Rasen gemäht, Wäsche gewaschen und Böden gewischt werden. In vielen Gefängnissen hat der Häftling gar keine Wahl – entweder er arbeitet, oder er wird weggesperrt.

Viele dieser Jobs bringen zwar nur Einnahmen in Höhe von 10 oder 15 Dollar im Monat, doch das ist besser als gar nichts. So kann zumindest das Minimum an dem, was zum Überleben notwendig ist, sichergestellt werden.

Diese Möglichkeit besteht jedoch nicht für jene Häftlinge, die in Isolationszellen eingesperrt sind, wie sie im Special Confinement Unit (SCU) in Terre Haute zu finden sind. Mit der Ausnahme weniger Jobs, um den Zellenblock sauber zu halten, hat niemand im Todestrakt hier eine Arbeit, der er nachgehen kann.


Erstaunlicherweise unternimmt das Gefängnis sporadisch etwas, um diesen Mangel auszugleichen. Eine Möglichkeit liefert das Recreation Department: an Feiertagen werden Rätselpakete verteilt. Wenn ein Gefangener versucht, die Rätsel zu lösen, ob er das nun richtig macht oder nicht, bekommt er dafür eine Belohnung. Einmal waren es Müsliriegel, ein anderes Mal Deodorant, Zahnpasta und Shampoo oder auch Buntstifte und ein Zeichenblock. Eines Tages hat das Recreation Department Häkel-Sets verteilt. Das erste Kit war für Kuscheltiere, zu einem späteren Zeitpunkt wurden Anleitung und Wolle zum Häkeln von Mützen ausgegeben. Die Materialen waren alle dieselben: schwarzes Garn und gerade genug grünes, um mit einem farbigen Streifen abzuschließen. Ich habe mir zwar selbst keine Mütze gehäkelt, ein Zellennachbar hat mir jedoch eine geschenkt und ich habe mich verpflichtet gefühlt, sie ein paar Mal zu tragen.

Ich war gerade draußen, um meine Stunde an der frischen Luft in dem käfigartigen Freiluft-Bereich zu verbringen, als einer der SIS-Ermittler erschien. Er starrte mich eine Weile an ohne zu verbergen, dass mir der Fokus seiner Aufmerksamkeit galt, indem er sich direkt vor meinen Käfig stellte. Ich spreche nie mit den Mitarbeitern des SIS und so habe ich auch ihn einfach ignoriert. Nach ein paar Minuten war er über mein Schweigen offensichtlich erbost, denn er richtete sich lautstark an mich: „So, nun zeigt ihr eure Flagge also schon ganz offen?“


„Flagge zeigen“ (original: fly your flag) ist im Gang-Jargon ein Ausdruck dafür, bestimmte Farben zu tragen, welche die Bandenzugehörigkeit der Person offenlegen. Da die einzige Farbe, die ich trug, das Grün an meiner Mütze war (grün ist die Farbe der Aryan Brotherhood), hielt ich das nicht für kommentierungswürdig und ignorierte ihn weiterhin. Das schien seine Gefühle zu verletzen und provozierte eine Schimpftirade seinerseits.

Als er gerade dabei war, mir lautstark verständlich zu machen, wie viel er wisse und mich beschuldigte, Mitglied einer Gang geworden zu sein, tauchten die regulären diensthabenden Wärter auf. Sie sind sich der Tatsache sehr wohl bewusst, dass ich kein Bandenmitglied bin und dass es im SCU überhaupt keine Gang-Aktivität gibt. Da ihnen nicht viel an dem Ärger liegt, den das SIS immer wieder dort aufwirbelt, wo es überhaupt keinen Grund dafür gibt, wiesen sie auf die anderen Häftlinge hin, die alle dieselbe Mütze mit einem grünen Streifen trugen. Sie erklärten, woher die Mützen stammten, dass es über 50 von ihnen gab und dass es sicherlich nicht bedeutet, dass sich der gesamte Zellenblock - mit zahlreichen Häftlingen hispanischen, afroamerikanischen oder indianischen Ursprungs - plötzlich zur Aryan Brotherhood bekannt hätte.

Seine Antwort lautete: „Ich bin nicht dumm. Ich weiß, was hier vor sich geht“, bevor er wütend wegstampfte. Offenbar trifft keine der beiden Aussagen zu, denn kurz darauf brauchte meine gesamte Post etwa eine Woche länger als sonst um mich zu erreichen, was darauf hinweist, dass gegen mich ermittelt wurde. Das ging die folgenden sechs Monate so weiter. Ich habe keine Möglichkeit herauszufinden, welche Schlussfolgerungen aus dieser Untersuchung gezogen wurden, denn Gefangene dürfen die Ergebnisse von Ermittlungen nicht erfahren, es sei denn, sie werden wegen irgendeiner Art von Verstoß angeklagt. Aber es ist durchaus möglich, dass ich erneut als Bandenmitglied verzeichnet bin.

Trotz seiner gegenteiligen Behauptungen wusste das SIS also wie gewöhnlich wieder einmal nicht, was los war. Aber so läuft es eben, wenn versucht wird, die eigene Existenz zu rechtfertigen, in einem Gefängnis, in dem die eigene Position überflüssig ist.

Ich bezweifle, dass sie jemals die Lektion lernen werden, dass nicht alles mit einer Gang zu tun hat.

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Picture: mturhanlar / Shutterstock.com

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