• Prisoner X

# 5 Perspektiven

Im Laufe meiner Haftzeit bin ich hin und wieder in problematische Situationen geraten. Um ehrlich zu sein, öfters als nur hin und wieder. Einige der Unannehmlichkeiten waren nur geringfügig und auf diplomatischem Wege zu lösen. Andere Situationen eskalierten sogar soweit, dass es am Ende um Leben und Tod ging und der Konflikt nur durch Gewalt und Blutvergießen gelöst werden konnte. Bei der Diskussion dieser Ereignisse mit Personen jenseits der Gefängnismauern haben die Reaktionen meiner Gesprächspartner das gesamte Spektrum durchlaufen, von Verständnis bis Ungläubigkeit, von Lob bis Tadel.


Was mich bei diesen Gesprächen am meisten beschäftigt hat sind jedoch nicht die Reaktionen selbst, sondern vielmehr das, worauf sie gestützt sind. Ob die Rückmeldungen nun positiv oder negativ ausgefallen sind, in fast allen Fällen haben meine Gesprächspartner versucht zu beurteilen was geschehen war und wie am besten mit der Situation umgegangen hätte werden sollen - basierend auf ihren eigenen Lebensumständen und Alltagserfahrungen. Selbst unter den intelligentesten und hoch gebildeten meiner Gesprächspartner schien das Verständnis dafür zu fehlen, dass deren eigener Beurteilungsstandard wenig bis keine Anwendbarkeit in den gegebenen Situationen hatte. Sie waren nicht in der Lage, aus ihrer eigenen Perspektive herauszuwachsen.



Auf den Gebieten der Psychologie und Soziologie ist es seit langem bekannt, dass das Bewerten von Handlungen eines Individuums außerhalb des eigenen gesellschaftlichen Kontexts einige Gefahren mit sich bringt. Bei einer solchen Beurteilung kommt es leicht zu falschen Urteilen und fehlerhaften Schlussfolgerungen. Das sollte ziemlich einleuchtend sein, da sich viele Gesellschaften in ihren Verhaltensnormen und Sichtweisen unterscheiden. Jeder, der schon mal verreist ist, wird sich dessen bewusst sein und versucht haben, in fremden Kulturkreisen seine eigene Verhaltensweise anzupassen um Problemen aus dem Weg zu gehen und Beleidigungen aus Unachtsamkeit in anderen Kulturen zu vermeiden. Doch niemand scheint daran zu denken, dieses Wissen auch auf das Gefängnis anzuwenden. Das irritiert mich, denn es ist eine Tatsache, dass sich das Gefängnis von der Außenwelt mehr unterscheidet als jede Gesellschaft "draußen" von einer anderen. Wenn ich es nicht schaffen sollte, im Laufe dieses Blogs sonst auch nur irgendetwas zu vermitteln, dann ist das die eine Botschaft, von der ich mir am meisten wünsche, dass sie beim Leser ankommt.


Das Leben im Gefängnis ist nicht mit Ihrer Realität zu vergleichen. Nichts ist hier "normal“, beim besten Willen nicht. Es handelt sich beim Gefängnis um einen Mikrokosmos mit eigenen ungeschriebenen Regeln und Normen, die viel abrupter und mit weitaus weniger Nachsicht durchgesetzt werden als die Gesetze der Außenwelt. Sie können einen Häftling nicht mit Ihrem Nachbarn vergleichen. Gefangene verhalten sich anders und reagieren nicht so, wie es die Menschen in Ihrem Umfeld tun würden. Dinge, die unter Ihrer Betrachtungsweise vernünftig und logisch erscheinen, werden im Gefängnis nicht unbedingt auf dieselbe Art und Weise wahrgenommen.


Manch einer mag an dieser Stelle skeptisch werden und etwas auf der Zunge brennen haben wie "Häftlinge sind auch nur Menschen wie jeder andere und wir sind alle gleich", doch man kann kaum mehr daneben liegen. Die folgenden Tatsachen sind unbedingt zu beachten.

Es ist allgemein bekannt, dass die Normen einer jeden Gesellschaft auf den allgemeinen Überzeugungen ihrer Bürger basieren. Das gilt für die Gefängnisgesellschaft wie für jede andere auch. Also, wer sind die Bürger dieser Gesellschaft? Woran glauben sie? Es besteht kein Zweifel daran, dass es unschuldige Menschen im Gefängnis gibt. Außerdem gibt es noch diejenigen, die sich zwar verschiedener Verbrechen schuldig gemacht haben, aber dennoch gute Menschen bleiben. Dies sind jedoch die Ausnahmen und nicht die Regel. Der durchschnittliche Gefangene ist in der Tat ein Verbrecher, sowohl im Denken als auch im Handeln.


Eine Sichtung von statistischen Erhebungen untermauert dies und zeigt, was genau das bedeutet. Studien haben ergeben, dass bis zu 90 % aller Gefangenen an irgendeiner Art von psychischer Störung leiden. Die meisten Schätzungen zeigen, dass 75 % der Inhaftierten eine antisoziale Persönlichkeitsstörung haben, deren Merkmale Arglist, Aggression, ein mangelndes Einfühlungsvermögen sowie die Missachtung der Sicherheit, Rechte und Gefühle anderer sind. Weitere Studien ergaben, dass 80 - 95% der Häftlinge in Zusammenhang mit irgendeiner Art von Drogenmissbrauch gebracht werden können. Umfangreiche I.Q.-Tests in Gefängnissen haben gezeigt, dass 70% der Gefangenen als „unterdurchschnittlich" intelligent eingestuft werden, wovon wiederrum die Hälfte in die Kategorie „geistig behindert" fällt.


Wenn man all diese Dinge zusammennimmt, kann man sich vorstellen, dass sich der Konsens einer solchen Gruppe darüber, was akzeptabel ist, erheblich von dem der Außenwelt unterscheiden wird. Das bedeutet nicht, dass Gefangene der Rechtshilfe, einer fairen Behandlung oder eines angemessenen Lebensstandards unwürdig sind. Es bedeutet auch nicht, dass einige nicht unschuldig sind und dass andere nicht während ihres Verfahrens diskriminiert wurden. Das bedeutet nicht einmal, dass ein Gefangener keine achtbare Person oder ein guter Freund sein kann. Es bedeutet lediglich, dass man im Umgang mit einem Gefangenen nicht unbedingt erwarten kann, dass er die Dinge so sieht, wie man selbst es tut, und dass er womöglich nach anderen Standards handelt. Bevor man ein Urteil fällt, sollte man sich selbst bewusst machen, dass es neben der eigenen noch weitere Perspektiven gibt.



Picture: Inked Pixels/ Shutterstock.com

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